PEKING
TIAN'ANMEN, VERBOTENE STADT UND GROSSE MAUER
Große Mauer bei Jinshanling

214 v. Chr. ließ der erste chinesische Kaiser, Qin Shihuangdi, Schutzwälle errichten, die das chinesische Kaiserreich schützen sollte. Im Unterschied zu schon vorhandenen alten Mauerresten wurde die Mauer nicht in den Tälern, sondern unterhalb der Kammlinie der Gebirge an den Nordabhängen errichtet. Seitdem wurde die Mauer immer wieder aus- und umgebaut. So wurde in der Jin-Dynastie auch die Große Mauer ab 1192 verstärkt. Die heute bekannte Form erhielt sie in der Zeit der Ming-Dynastie, der letzten großen Ausbauphase. 1493 begann unter Kaiser Hongzhi der Bau der Ming-Mauer, die dem Schutz gegen die Mongolen und der besseren Überwachung des Handels dienen sollte, und zu deren Verteidigung in den Neun Garnisonen der Ming etwa 300.000 Soldaten stationiert waren. Ihr Verlauf folgte den Bergkämmen, eine besonders aufwendige und teure Bauweise. Das System der Mauern war insgesamt ursprünglich ausgedehnter als lange angenommen. Schon Sven Hedin und Folke Bergman entdeckten während ihrer Chinesisch-Schwedischen Expedition 1927–1935 Reste der Großen Mauer in der Wüste Lop Nor. (Quelle: Wikipedia)

Presselandschaft

Noch Tage nach den Feierlichkeiten zum 60.Jahrestag der Volksrepublik China waren die Zeitungen voll der Berichte über die Kundgebungen in Peking und der Veröffentlichung der Errungenschaften der letzten Jahre.

China Faszination und asiatische Bescheidenheit, roter Drache und rote Fahnen. Seit Marco Polo seine Reise an den Hof des großen Kahn beschrieb, hatte sich das „Reich der Mitte“ immer wieder Änderungen und Umwälzungen entgegengestellt und unterworfen. In Europa kam davon nicht viel an. Mit dem steigenden Einfluss der westlichen Kolonialmächte in Asien, einhergehend mit dem Unvermögen der kaiserlichen Beamten und Herrscher, schwand die chinesische Macht. Heftige Unruhen und Aufstände erschütterten das Reich. Der Boxeraufstand wurde mit Unterstützung der Kolonialmächte blutig niedergeschlagen. Das Riesenreich war nach Revolution und der Absetzung seines letzten Kaisers mit sich selbst beschäftigt. Es folgten Bürgerkrieg, Chiang Kai-shek und Mao Tsedung und am 1.Oktober 1949 die Ausrufung der Volksrepublik China. In den Zeiten des Kalten Krieges senkte sich der „Eiserne Vorhang“ quer durch Deutschland. Asien war weit weg und die wahren Zustände im kommunistischen China nur wenigen bekannt. Das „kleine rote Buch“, veröffentlicht 1965, entwickelte sich zum wichtigen Referenzwerk des Maoismus. Während in China von jedem Chinesen erwartet wurde, das Buch bei sich zu tragen und es üblich war, sich mit einem Zitat daraus zu begrüßen, verbreitete sich die „Mao-Bibel“ auch in der Studentenbewegung von 1968. Unterdessen gingen die Säuberungsaktionen und der brutale, autoritäre Machtanspruch Maos weiter. Erst Ende des 20.Jahrhunderts arbeiteten Wissenschaftler die Opferzahlen der chinesischen Kommunisten auf: „Machtfestigung und Enteignungen 1949–1953 mehr als acht MillionenTodesopfer, „Großer Sprung nach vorn“ und Enteignungen 1954–1958 zwischen 20 bis 40 Mio. Opfer, Vernichtung durch Arbeit (Arbeitslager) sowie Hunger als Folge der Enteignungen 1959–1963 weitere 10.729.000 Opfer, Kulturrevolution 1964–1975: 7.731.000 Tote (nach dem amerikanischen Wissenschaftler Rudolph Rummel), 400.000 bis 1 Million (nach dem Schwarzbuch des Kommunismus)“.(Quelle Wikipedia)

China rückte für mich erstmals direkt ins politische Bewusstsein, als im Frühjahr 1989 die Menschen in Peking monatelang auf die Straße gingen und sich auf dem Platz des himmlischen Friedens für die Demokratie den Panzern entgegenstellten. Die wöchentlich erscheinenden FDJ-Zeitung „Junge Welt“ berichtete über die Konterrevolutionäre und ihre Umsturzversuche beim chinesischen roten Bruder. Ganzseitlich prangte die verkohlte Leiche eines Soldaten über das „Zentralorgan der Freien Deutschen Jugend“ mit der Bildunterschrift, wie die Konterrevolutionäre in Peking derzeit vorgehen würden. Am 4. Juni 1989 bildete das Tian'anmen-Massaker den blutigen Endpunkt der Proteste, in dessen Folge etwa 3.000 Menschen getötet wurden. Kurz bevor im deutschen Herbst die Proteste in der DDR zur Wende führen sollten, zogen die Strategen der Staatssicherheit auch die „chinesische Lösung“ zur Niederschlagung der deutschen Massenproteste in Erwägung.

Am 1.Oktober 2009 feierte die Volksrepublik China ihren 60.Geburtstag und sorgte an diesem Tag für schönes Wetter über Peking. Ich landete einige Tage später im Reich der Mitte, nach einem langen, nicht enden wollenden Flug von Singapore. Peking stand ganz im Zeichen seines Geburtstages, geschmückt mit roten Fahnen und Lampions. Erst im Jahr zuvor hatte der rote Drache, seiner unvorstellbar wirtschaftlichen Macht geschuldet und entgegen den Protesten von Menschenrechtsbewegungen und charakterstarken Sportfunktionären die XXIX. Olympischen Sommerspiele ausgerichtet. Pekings Regierung verfügt die Zwangsumsiedlung zahlreicher Bewohner, lässt die Wohnsiedlungen niederreißen und internationale Architekten wie den Niederländer Rem Koolhaas und Architektenbüros wie das der Schweizer Herzog & de Meuron die Lücken schließen.

Wir, eine kleine Gruppe auf Zwischenstop nach Tibet, besprachen am Abend die vor uns liegenden Wochen im heimelig wirkenden Geistergässchen, die chinesische Situation und unsere verschobene Einreise aufgrund des 60.Jahrestages. Die chinesische Staatsführung hatte es sich nicht nehmen lassen, aus Angst vor Unruhen, seine umstrittene Provinz für Ausländer über die Feiertage zu schließen. Es waren die drei T’s, Tian'anmen, Taiwan und Tibet, die Peking seit Jahren auf den Magen schlugen.

Ich nutzte meinen ersten chinesischen Vormittag, um meinen Einkaufszettel abzustreichen. „Made in China“ war groß in Mode gekommen und die erste Adresse dafür der Silk Market. Über mehrer Etagen kann man (und Frau) hier der ungebremsten Kauflust nachkommen. Neben guten Seidenschals, glänzenden Süßwasserperlen, die wunschgerecht zu Ketten gebunden werden und zahllosen Lederwaren, lagen imitierte Cartier- und Rolexuhren neben Sonnenbrillen von Ray Ban, Carrera und Emporio Armani. Der Rest war nur Verhandlungssache. Während in deutschen und anderen Unternehmen das Geld keine Rolle spielte, so war es hier die Qualität. Ein Schild am Eingang wies auf die enorme Nachfrage und den internationalen Besucherantrag während der Olympischen Spiele hin. Ich feilschte mit steigender Freude um einige Yuan und Perlen, Seidentücher und Brillen. Ich schien mein Geschäft so gut zu machen, das eine der chinesischen Verkäuferinnen von ihrer Kollegin unterstützt werden musste.

Unser Hotel lag drei Querstrassen vom Platz des Himmlischen Friedens entfernt, den wir am Mittag betraten. Chinesische Familien, Bauern aus den nahen Provinzen, vereinzelte Schulklassen, Jugendliche und Alte nutzen die noch immer anhaltenden Festtage, um der Hauptstadt einen Besuch abzustatten. Dort, wo nun die Errungenschaften der Volksrepublik China auf hohen Festtagswagen bestaunt werden konnten, saßen sich zwanzig Jahre zuvor chinesische Studenten und Soldaten gleichen Alters gegenüber und walzten Panzer Demonstranten nieder. Eine andere Generation war herangewachsen; neugierig und mit marktwirtschaftlichen Prinzipien unter kommunistischer Führung. China geht seinen Weg zwischen kapitalistischer Marktwirtschaft und gepredigtem Kommunismus. „Was ist besser? Sozialismus oder Demokratie?“ sollte mich später unser tibetischer Führer fragen. Eine große Frage für jemanden, der in beiden Gesellschaftsordnungen lebte; eine nicht zu beantwortende Frage für denjenigen, der nur eine Seite kennen gelernt hat. Manchen Menschen haben das Privileg, wählen zu können. Vielen Menschen ist dieses Privileg nicht vergönnt. So sehr ich mich auch an das Bild der verbrannten Leiche erinnern konnten, so wenig wusste ich die Stelle am Tian'anmen zuzuordnen.

Die Chinesen waren in moderner Kleidung unterwegs. Keine Einheitsuniform, kein Mao-Anzug erinnerten an die kommunistischen Jahre des 20.Jahrhunderts. China hatte sich in das neue Jahrhundert geschoben. Nur der kleine chinesische Nachwuchs war mit Hosen ausgestattet, die einen pragmatischen Schlitz für brenzlige Situationen aufwiesen. Windeln, besonders die überflüssigen Wegwerfwindeln westlicher Staaten, waren bis vor wenigen Jahren unbekannt und heute können und wollen sich nicht viele Chinesen diesen Luxusartikel leisten. Andere Ländern, andere Sitten. Der vermeintliche Rückschritt indessen bedeutet, weniger Stress mit den bekannten deutschen Töpfchentrainings, des Ins-Bett- und In-die-Hose-Machens. Eine ideale Lösung? Wenn man bedenkt, dass die Chinesen auch das Pulver erfunden hatten, dann sicher eine chinesische Lösung. Ich möchte mir nicht vorstellen, wenn ein Kleinkind in Deutschland auf diese Weise seine Notdurft verrichten wollte. Unzählige Verordnungen, Paragrafen und bürokratische Richtlinien wären zu berücksichtigen, Strafen zu bedenken und die Dringlichkeit auf diese Weise hinten angestellt.

Wir traten durch das Mittagstor in die Verbotene Stadt. Hier oben hatte Mao 1949 die Gründung der Volksrepublik verkündet. 1408 begann der dritte Ming-Kaiser Yongle mit dem Bau der Kaisertadt. Zeitweise sollen eine Million Sklaven und mehr als 100.000 Kunsthandwerker daran gebaut haben. Nach den letzten Baumaßnahmen 1420 war die Verbotene Stadt bis 1644 Sitz der Ming-Dynastie. Im Herbst 1644 zog die Qing-Dynastie in die Gebäude ein. 1860 besetzten britisch-französische Truppen die Verbotene Stadt bis zum Ende des Zweiten Opiumkrieges. 1900 floh die Kaiserinwitwe Cixi während des Boxeraufstandes aus der Stadt, die wiederum im folgenden Jahr von ausländischen Mächten besetzt wurde. In all diesen Jahren war der einfachen Bevölkerung der Zutritt verwehrt – was den Namen Verbotene Stadt erklärt. Nach der Xinhai-Revolution dankte der letzte Kaiser, Pu Yi, 1912 ab. Er lebte mit seiner Familie noch bis 1924 in den Kaiserpalästen. Danach wurden die Tore für die Bevölkerung geöffnet.

Wir schritten durch die Stadt, Wohnstätte für 24 chinesische Kaiser, über Goldwasserbrücken durch das Tor der höchsten Harmonie, zur Halle der Vollkommenem Harmonie, die Neun-Drachen-Mauer zu unserer Rechten und die vielen chinesischen Familien langsam hinter uns lassend. Es war wie der Besuch im französischen Versailles. Gebaut für das Vergnügen weniger und später geöffnet zum Bestaunen von Vielen. Bevor wir den Inneren Bereich der Verbotenen Stadt betraten, hier lebten die Frauen und Konkubinen des Kaisers, stärkten wir uns bei einem kühlen Dosenbier und Chop Suey. Als wir die Stadt über das Nordtor verließen, begann es bereits zu dämmern. Im Dunkeln nahmen wir uns einige Augenblicke Zeit über die moderne Shoppingmeile von Peking zu flanieren. Neben den originalen Cartier, Rolex und Gucci standen auch Starbucks und Nike offen. Straßenhändler boten gegenüber von MacDonalds gegrillte Seepferdchen, Tintenfische und Skorpione an.

Am nächsten Tag wurden wir zu Helden. Jack, unser Reiseführer und waschechter Chinese, hatte uns glücklicherweise nicht ins touristische Badaling geführt (seit der Restauration und Eröffnung 1957 wird der Mauerabschnitt von Millionen Touristen, wie auch dem amerikanischen Präsidenten Richard Nixon 1972, besucht) sondern nach Jinshanling. „Wer zehn Kilometer auf der chinesischen Mauer gelaufen ist, darf sich Held nennen“, versicherte uns Jack, der in diesem Jahr bereits zum dritten Mal über die alten Steinhaufen lief.

Die alte Grenzbefestigung, die das chinesische Kaiserreich vor nomadischen Reitervölkern aus dem Norden schützen sollte, stellte immer wieder die Berichte des Marco Polo in Frage, da dieser die Anlage in seinen Schriften mit keiner Silbe erwähnte. Nach aktuellen Angaben beträgt die Länge der chinesischen Mauer etwas mehr als 8.800 Kilometer. Mitgerechnet wurden etwa 2.200 Kilometer an Flüssen und Bergen, natürlichen Barrieren, welche das Bauwerk verlängern und überbrücken. Die chinesische Mauer besteht, im Gegensatz zu später folgenden deutschen oder israelischen Mauern aus einem System mehrerer teilweise auch nicht miteinander verbundener Abschnitte unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Bauweise.

Wir wurden während der ersten Kilometer von chinesischen Souvenirverkäufern begleitet. Einige Fotobücher über die Mauer, chinesischer Klimbim und billiger Schund wurde uns unter die Nase gehalten. Jeder aus unserer Gruppe erhielt seinen „persönlichen“ Begleiter, wobei diese sich ihre „Mauergänger“ während der ersten Meter bereits aufgeteilt hatten. Aufgrund der koordinierten und überfallartigen Vorgehensweise kamen wir uns wie Opfer auf der Schlachtbank vor. Es gelang mir, „meine“ Seelenverkäuferin schnell zur Aufgabe zu bewegen, indem ich mich einmal zurückfallen ließ, um daraufhin schnell nach vorne zu sprinten. Mit dieser irrationalen Vorgehensweise konnte meine Begleiterin, eine junge, dickliche Chinesin mit stechenden Augen, nichts anfangen und gab sich geschlagen.

 Wir stiegen die Treppen hinauf, durch alte Wachtürme hindurch und waren plötzlich mit uns und der chinesischen Landschaft allein. Wir genossen die Stille, die Geschichte der Mauer, deren Steine zu uns zu sprechen schienen und verfolgten mit großen Augen den Verlauf der Grenzbefestigung, die sich endlos hinter dem Horizont davon schlängelte. Auf unserem Weg von Jinshanling nach Simatai ging es immer nur bergauf, bergab, bergauf, bergab und irgendwann kroch ich auf allen vieren die steilen Stufen hinauf. Wir schritten über ein finanzielles schwarzes Loch, welches nur Unsummen zu verschlingen schien. Die Jahrhunderte hatten ihre Spuren in das Mauerwerk geschlagen, das einst von Sklaven, Bauern, Tagelöhnern, Soldaten und Experten errichtet wurde. Manche Abschnitte standen kurz vor dem Zusammenbruch, doch die Faszination hielt bis zum letzte Meter an. So wie wir in einen Mauerabschnitt eingestiegen waren , so lösten wir uns aus einem anderen heraus und labten uns ausgiebig als „Mauerhelden“ an einem kühlen, völlig überteuertem Bier.

Unsere Reise stand jedoch noch am Anfang und brachte uns einen Tag später in die Unruheprovinz Tibet, die uns, nach den chinesischen Feiertagen, wieder offen stand.

Silk Market

Neben guten Seidenschals, glänzenden Süßwasserperlen, die wunschgerecht zu Ketten gebunden werden und zahllosen Lederwaren, lagen imitierte Cartier- und Rolexuhren neben Sonnenbrillen von Ray Ban, Carrera und Emporio Armani. Der Rest war nur Verhandlungssache.

Halle zur Höchsten Harmonie

Nachdem die Verbotene Stadt bis 1911 die Residenz der chinesischen Kaiser war und sich nur Beamte und die kaiserliche Familie hinter den Mauern bewegen durfte, öffneten sich 1924 die Tore erstmals für die Bevölkerung.

Kaiserliche Bauten

Während andere Monumente während der Kulturrevolution von den chinesischen Garden geplündert oder zerstört wurden, blieb die Verbotene Stadt verschont, da sie durch die Volksbefreiungsarmee gesichert wurde. Die Verbotene Stadt liegt am nördlichen Ende des Platzes des himmlischen Friedens. 1987 wurde sie von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

Vogelnest

Das Nationalstadion wurde durch die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron entworfen. Die Baukoste betrugen etwa 325 Millionen Euro.

Mauergänger

Nicht nur für Ausländer ist die chinesische Mauer einen Ausflug wert.

Souvenirverkäufer

Bauern aus den nahegelegenen Dörfern stoßen immer wieder auf die Mauergänger und folgen ihnen einige Kilometer, um sich mit dem Verkauf von Fotoalben und chinesischem Klimbim einige Yuan zu verdienen.