AUSTRALIEN - IM GOLDENEN OUTBACK 1 von 2
LANDWIRTSCHAFT AUF DEM ROTEN KONTINENT, EINSAMKEIT, EXPEDITIONEN, PERTH
Papagai in Westaustralien

Der deutsche Entdecker und Botaniker Friedrich Wilhelm Ludwig Leichhardt kam 1842 nach Australien, wo er sich der Erforschung des damals noch weitestgehend unbekannten Kontinents widmete. Der 1813 geborene Preuße unternahm drei Expeditionen. Auf seiner ersten Expedition gelang ihm 1844 bis 1845 die erste Durchquerung im Northern Territory. Seine detaillierten und umfangreichen Tagebuchaufzeichnungen ermöglichten nachfolgende Erkundungen und Besiedlungen. Seine zweite Forschungsreise scheiterte nach fünf Monaten und sollte vom Osten bis an den Swan River führen. Als er diese Expedition 1848 wiederholen wollte, blieb er mit seiner Mannschaft im Outback verschollen.

Ludwig Leichhardt

In Australien ist der deutsche Forscher heute bekannter als in Deutschland selbst. Zahlreiche Straßen, Plätze und Orte erinnern auf dem fünften Kontinent an den Preußen. (Zeichnung: Begegnung mit Eingeborenen, Erich Gruner, aus Ludwig Leichhardt, Ins Innere Australiens, 1951)

"... Ich war für die Schwierigkeiten der Reise  nichts weniger als blind; im Gegenteil, und ich hoffe meine Leser werden glauben, dass ich es aufrichtig meine…Während meiner in der letzten Zeit unternommenen Excursionen in dem Squatting-Districte hatte ich mich so an ein vergleichsweise wildes Leben gewöhnt und die Gewohnheiten der Ureinwohner so genau beobachtet, dass ich mich versichert hielt, die einzigen wahrhaften Schwierigkeiten, auf die ich stossen könnte, würden nur einen localen Character haben. Ich war überzeugt, dass ich bei einem vorsichtigen Verfahren, unsern Cours nach beiden Seiten beständig recogniscirend, im Stande sein würde, meine Begleiter auf einem grasbewachsenen und wohlbewässerten Wege zu führen und, wenn ich so glücklich wäre, dies zu bewerkstelligen, hielt ich mich versichert, dass die Reise, einmal begonnen, mit unserer Ankunft in Port Essington endigen müsste. … Die einzigen Instrumente, welche ich mit mir führte, waren ein Sextant, ein künstlicher Horizont, ein Chronometer, ein Kater’scher Hand-Compass, ein kleiner Thermometer und Arrosmith’s Charte vom Continent von Neu-Holland. …“ (aus: „Tagebuch einer Landreise in Australien von Moreton-Bay nach Port Essington während der Jahre 1844 und 1845 von Ludwig Leichhardt“, 1851)

Die Stadtgrenze von Perth verschwimmt in nördlicher Richtung zwischen kleinen Starbucks- und KFC-Filialen, Tankstationen und flachen, aneinandergereihten Einfamilienhäusern. Der Highway führt schnurgerade ins Hinterland und nur selten korrigiert eine kleine Kurve den Straßenverlauf. Kleine Siedlungen, Städte die den Namen im Grunde genommen nicht verdienen, werden als letzter Flecken bekannter Zivilisation immer seltener und die Tankstationen immer wichtiger. Auch die „Bottleshops“; nur in ihnen gibt es wie im gesamten Commonwealth Alkohol zu kaufen; werden immer seltener und die „Long Vehicle Road“ Straßenschilder nehmen zu.

Down Under liegt über dreizehntausentvierhundert Kilometer von Deutschland entfernt. Während zu Beginn des 19.Jahrhunderts noch anstrengende Landwege, eine Schiffspassage und etwas mehr als drei Monate notwendig waren um von Europa an die australische Küste zu gelangen, benötigt der Direktflug von Frankfurt nach Perth mit Zwischenlandungen nicht mehr als drei Tage um auf die andere Seite der Welt zu gelangen.

Philipp und ich waren bereits seit einigen Tagen im Westen des fünften Kontinents unterwegs, hatten uns weitestgehend an den Linksverkehr gewöhnt und waren nun auf den Weg zu der Farm von Zag und Anja. In Bindoon machten wir eine letzte Rast. Uns gefiel das Gerücht, das Nest sei der letzte Vorposten der Zivilisation vor dem Outback. Zumindest gab es sehr schmackhafte „Meat Pie“ und vorzügliches Lashes Pale Ale, welches wir auf Vorrat kauften. Irgendwann, Stunden später, hörte der Asphalt auf und die Zivilisation ging endgültig in eine rotleuchtende Staubpiste über, die sich, von Eukalyptusbäumen flankiert, irgendwo am Horizont verlor.

Zag betrieb die 5.000 Hektar Farm seiner Vorfahren und stand im Oktober kurz vor der Ernte. Anja stammte aus Thüringen und war als Backpackerin vor etwa zehn Jahren im Goldenen Outback von Westaustralien hängen geblieben. Die Geschichte war so filmreif wie liebenswürdig. Sie hatte die Anzeige zur Erntehilfe auf der Farm in einer Zeitung gelesen, sich auf den Weg ins Nirgendwo gemacht und in Zag die Liebe ihres Lebens mehr als dreizehnttausend Kilometer fern der Heimat gefunden. Das Gute für uns war, dass sie die Cousine von Philipp war. Für uns war es d i e Gelegenheit, australisches Farmleben aus erster Hand zu erfahren.

Unsere erste Erfahrung war die Liebenswürdigkeit, mit der wir empfangen wurden, die zweite der raue, aber sehr feine Humor und unsere dritte Erfahrung gipfelte darin, das wir etliches Holz auf der Farm umräumten.

Unterstützung ist auf dem „Do-It-Yourself“-Kontinent mitunter lebensnotwendig. Anja und Zag bewirtschaften die Farm allein, die Mutter kümmert sich um die Finanzen und nur zur Ernte unterstützt ein Bekannter. Zag beschäftigt sich mit modernen Anbaumethoden, liest Wissenschaftszeitungen und wirtschaftet so nachhaltig wie es unter den derzeitigen australischen Bedingungen nur möglich ist. Anja, die zierliche Thüringerin, ist stolz auf ihren mächtigen John Deere Traktor. „Dank GPS-Unterstützung und neuester Erntetechnik lassen sich die Felder im Vergleich zu früher in kurzer Zeit abernten. Doch effektiv ist es nur, wenn man auf wenige Kulturen baut. Farmen, die noch auf traditionelle Weise betrieben wurden – einige hundert Rinder hier, etliche Pferde, Schafe und Hühner und zudem noch Getreideanbau und Hülsenfrüchte – waren nicht mehr effektiv und gingen pleite. Viele dieser Farmen, seit drei, vier Generationen bewirtschaftet, stehen nun in den Weiten der australischen Unendlichkeit leer.“

Die Zeiten in der australischen Landwirtschaft sind andere geworden. Die Veränderungen des Klimas haben besonders in solchen exponierten Regionen wie im Goldenen Outback enorme Auswirkungen, in den letzten Jahren mit teilweise katastrophalen Folgen. Die Erntezeiten haben sich aufgrund der Hitze um etwa einen Monat nach vorn verschoben. Im Hochsommer ist eine Bewirtschaftung bei 50°C nicht mehr möglich. Über die Jahrhunderte gab es immer wieder Schwankungen im Erdklima und doch änderte sich die Landwirtschaft rasant in den letzten dreißig Jahren. Anja ist sich sicher, dass hier Landwirtschaft in wenigen Jahren nicht mehr möglich ist. „Doch solange wir noch Nachhaltigkeit und Effizienz miteinander verbinden können, farmen wir weiter. Wir haben noch einige Hektar hinzugepachtet, die ehemaligen Rinderzäune abgerissen und so die Flächen vergrößert.“

Wir genossen die wenigen Tage auf der Farm, pressten frisch gepflückte Orangen und Zitronen zum Barbecue und kühlten uns mit eisgekühltem Lashes. Die Rosakakadus knabberten mit Bauers Ringsittich die umherstehenden Eukalyptusbäume zu Tode und die hauseigenen Tannenzapfenechsen freuten sich über tiefgefrorene Erbsen. Im abnehmenden Tageslicht warfen die zahllosen Termitenhügel zwischen dahinrostenden Oldtimern ihre langen Schatten und nur der thüringische Gartenzwerg Coryllis I. stand schweigend im grünen Gras, das Anja mühevoll und mit viel Liebe dem australischen Outback abgerungen hatte.

Den Rückweg nach Perth nahmen wir über den parallel zu Highway 1 verlaufenden Indian Ocean Drive, der sich zwischen Indischem Ozean und schneeweißen Sanddünen gen Süden dahinschlängelte. Nicht konnte entspannter und gemütlicher sein. Nur ab und an unterbrach ein uns entgegenkommendes Auto die Einsamkeit. Oft war es einer jener legendären 600PS starken „Road Trains“, der bis zu fünfzig Meter langen Trucks, die schon in den 1970er Jahren als letztes Abenteuer dieser Erde über die Highways Australien donnerten.

Die offizielle Gründung der Millionenmetropole Perth ging auf das Jahr 1856. Doch bereits 1829 hatte Captain James Stirling eine Kolonie gegründet um die Franzosen von der Besiedlung des australischen Westens abzuhalten. Wir waren nur mäßig an der quirligen Stadt interessiert, die tausende Kilometer von der nächsten größeren Ansiedlung entfernt war und doch für den Westen des australischen Kontinents von so wichtiger Bedeutung. Ihren Aufschwung verdankt Perth den sagenhaften Bodenschätzen, die im Hinterland immer noch zu Tage gefördert werden und die sich in den Glas- und Betonbauten am Swan River widerspiegeln. Aus der frühen britischen Besiedlung sind nur wenige Gebäude wie etwa das Government House von 1864, die Town Hall (1867) oder das Old Courthouse von 1836 erhalten. Wir verfolgten die untergehende Sonne vom Botanischen Garten aus und nahmen am nächsten Tag den Flieger nach Alice Springs.

Offroad

"Der Highway führte schnurgerade ins Hinterland und nur selten korrigierte eine kleine Kurve den Straßenverlauf."

Windrad

Die lebensnotwendigen Windräder, die das Wasser hervorpumpen, prägen das australische Landschaftsbild.

Oldtimer

Zahlreiche alte Autowracks rosten seit Jahrzehnten unter der australischen Sonne vor sich hin.

Sonnenuntergang Perth

"Wir verfolgten die untergehende Sonne vom Botanischen Garten aus."