KANADA - DER WESTEN 1 von 2
CALGARY, COWBOYS UND INDIANER, ALBERTA UND BRITISH COLUMBIA - DER WESTEN
Totem - The First Nation

Die Geschichte Kanadas beginnt nicht mit der allmählichen Kolonisierung und Ausbeutung durch europäische Siedler, sondern mit der vieltausendjährigen Ausbreitung der Ureinwohner. Für die "First Nation" wurde die Ankunft der Fremden zur Tragödie, die beinahe zum Untergang ihrer uralten Lebensweise führte. Tausende von Jahren rollten neue Einwanderungswellen über Noramerika und breiteten sich nach Süden über den gesamten Kontinent aus, die genetisch miteinander verwandt sind. Die Stämme entwickelten ihre eigenen Sprachen und Kulturen entsprechend den örtlichen Gegebenheiten. In Kanada bewahren nur noch die Inuit (nicht Eskimo), Spuren ihrer usprünglichen Lebensweise.

Zu den am höchsten entwickelten Erstsiedlern gehören die Stämme der Westküste, deren Zugang zu üppigen natürlichen Rohstoffen eine ebsno üppige Lebensweise ermöglichte. Di relative Sesshaftigkeit der Ureinwohner ließ ihnen Zeit für Kunst und Zeremoniell. So entstanden Schnitzereien - unter denen Totempfähle die höchste Vollendung darstellen - und Zeremonien, die zu dem Überragendsten gehören, was die First Nation schufen.

Medienlandschaft

So weit das Land, so weit die Medienlandschaft. Es gibt eine Vielzahl regionaler Blätter, deutssprachiger und französischer Ausgaben. Eine Vielzahl an lokalen Radiosendern wechselt sich in Kanada ab. Die Reichweite der Sender ist allerdings iin der nördlichen Wildnis stark begrenzt und konzentriert sich um größere Siedlungen.

Bald wurde die Gegend sehr sumpfig und da hier vor einiger Zeit wohl ein großes Feuer gewütet hatte, machte uns dieser Teil der der Strecke wegen der Menge gestürzter Stämme große Schwierigkeiten. Kurze Zeit später stieg das Gelände allmählich an und obwohl ringsum verschneite Berggipfel lagen, wurden wir sehr von Moskitos geplagt. Um neun Uhr lagerten wir.

Noch vor Sonnenaufgang des nächsten Tages forderten unsere neuen Führer uns auf, die Reise fortzusetzen. Wir durchquerten ein schönes Tal und begannen einen erneuten Anstieg. Überall entdeckten wir Murmeltiere, die aus allen Richtungen pfiffen. Unsere Führer konnten sogar zwei davon erlegen und gaben das Fleisch meinen Leuten. Auch zogen sie eine Wurzel aus der Erde, die aussah wie ein Büschel weißer Beeren und wie die Kartoffel schmeckte.

Als wir den Berggipfel erreicht hatten, befanden wir uns mitten im Schnee. Er war so hart, dass unsere Füße keinerlei Spuren auf ihm hinterließen. Doch sahen wir die frischen Spuren einer Rotwildherde, der meine Jäger sogleich nachsetzten. Bald war der Weg wieder schneefrei, mit kurzem Gras und kleinen Steinen bedeckt. Plötzlich ging ein Sturm mit Schnee, Hagel und Regen auf uns nieder, sodass wir uns schnell unter einen hohen Felsen retten mussten. Nach anderthalb Stunden kamen unsere Jäger zurück, hatten aber nur eine kleine Rentierkuh schießen können. Da wir durch das Warten und Stehen ganz durchgefroren waren, setzten wir fast mit Vergnügen unseren Marsch fort.“ (Alexander MacKenzie „Mit Gewehr und Kanu“, 1793)

Kanada, das sind türkisfarbene, spiegelglatte Seen, schneebedeckte Gipfel, Bären und Elche, Einsamkeit und Wildnis. Das Land im Zeichen des Ahornblattes fasziniert in erster Linie durch seine berauschende Natur. Das  mit 9.997.000 Quadratkilometern zweitgrößte Land der Welt wird geprägt vom Kanadischen Schild, der den größten Teil des Landes bildet. In manchen Ländern ist Geographie nur von untergeordnetem Interesse. In einem Land wie Kanada hingegen, dessen Größe und Maßstab kaum zu fassen sind, hat sie Geschichte und Besiedlung gestalte. Heute beeinflusst sie die politischen und kulturellen Perspektiven der weit verstreuten Bevölkerung.

Es ist ein junges Land und ständig im Kampf mit seiner nationalen Identität. Seine vielschichtige und ethnisch gemischte Bevölkerung, die mit jedem Tag unruhiger wird, vergrößert die Unsicherheit und lässt nur schwerlich die besonderen Eigenschaften erkennen, die „das Kanadische“ ausmachen. „Quo vadis, Kanada?“ Es ist ein schwerer Weg der Selbstfindung, der für Außenstehende nur schwer verständlich ist, aber für die Kanadier – mit ihrer besonderen Geschichte und gemischt ethnischen Bevölkerung – Kern ihres nationalen Erbes und kulturellen Identität ist.

„Ein Kanadier ist jemand, der weiß, wie man sich in einem Kanu liebt.“ Pierre Berton, kanadischer Schriftsteller (1973)

Kanadas riesige, menschenleere Weiten bilden eines der letzten Wildnisse der Welt. Große Landstriche im Norden und Westen sind von Menschenhand noch unberührt. Wölfe und Bären, Karibus und Biber leben in der windgepeitschten Tundra, der wogenden Grassteppe und unter dem endlosen Dach der nördlichen Wälder. Politisch wurde Kanada durch die Uneinigkeit zwischen dem französischsprachigen Quebec und dem übrigen Land an den Rand des Auseinanderbrechens gebracht. Diese Kluft ist die Folge einer jahrhundertealten Abneigung. Die gegenwärtige Separatismus-Bewegung heizt auch im übrigen Land Debatten über nationale Unabhängigkeit an. Die Probleme begannen, als sich England und Frankreich vor fast 500 Jahren um seine Küstenregionen stritten. Die historischen Feindseligkeiten zwischen den Ländern wurden in die Neue Welt exportiert, schlummerten aber meist – bis zur Niederlage der Franzosen 1759 bei Quebec. Die französischen Siedler  wurden englische Untertanen, wenn auch mit bestimmten Rechten und innerhalb einer französischsprachigen Mehrheit. Mit der Entstehung des kanadischen Staates sahen sich die Quebecois jedoch in einer englisch dominierten Konföderation an den Rand gedrängt. Jahrelang zogen sie sich zurück, bis es in den 1960er Jahren zur stillen Revolution kam, der Bombenanschläge in den 1970er Jahren folgten. Das Land wurde aus seiner Selbstzufriedenheit gerissen und das Verhältnis zwischen englisch- du französischsprachigen Kanadiern verschlechterte sich weiter. 1969 kam es zum Official Language Act, der Französisch denselben Status wie Englisch verlieh und ganz Kanada offiziell zweisprachig machte. Eine Lösung? Solange es englisch- und französischsprachige Kanadier gibt, bleibt die Quebecois Frage – und somit die Gefahr der Einheit Kanadas – wohl bestehen.

Ich landete spät in Calgary, holte mir den von Deutschland aus gebuchten Mietwagen, einen Chevrolet mit dem verheißungsvollen Kennzeichen 530-EVA und buchte mir ein Motel am Trans-Canada Highway in unmittelbarer Nähe zum Unicampus für geschlagene zweiundachtzig kanadische Dollar. Meinen ersten Abend beschloss ich mit einem saftigen Steak und Moosehead Bier. Calgary, das waren für mich Cowboy Land, Rodeo, Stampede und Olympische Winterspiele von 1988. Hier holten die DDR zum letzten Mal hinter der UdSSR Medaillen auf dem Siegertreppchen. Doch selbst achtzehn Jahr später wehte die Fahne des ersten deutschen Arbeit- und Bauerstaates vom Olympiapark herunter. Vom Calgary Tower aus lagen Saddle Dome und Stampede Park ebenso im dunstigen Nebel wie der nahe Bow River. Doch die Wolken rissen auf, als ich die 9 Avenue zum Bow River hinunterlaufe. Downtown Calgary endet mit seinen gläserneren Skycrapers abrupt und Fort Calgary liegt vor mir. Murmeltiere verschwinden pfeifend und blitzschnell in ihren Erdhöhlen.

Es sind etwa 14 Kilometer bis Drumheller, östlich von Calgary in das weite, offene Gebiet von Alberta. Sanfte Hügel bestimmen hier die Landschaft; Getreidefelder berühren den Horizont. In den Alberta Badlands fällt die Prärie plötzlich ab, um ein düsteres Tal freizugeben, in dem viele stillgelegte Kohlenschächte und die kleine dunkle Stadt Drumheller liegen. Die Gegend, früher das Land der Schwarzfuss-Indianer, ist heute für seine Dinosaurier bekannt. Der Dinosaurier Trail führt westlich von Drumheller am Red Deer Valley entlang, dem Schmelzwassereinschnitt der Gletscher in die Prärie. Im Horseshoe Canyon führt ein Weg an versteinerten Bäumen, Fossilienfunden und Dinosaurierknochen entlang.

Doch ich folgte dem Pfad nur bis zu den Hoodoos um danach wieder nach Calgary zurückzukehren. Auch „Head-Smashed-In Buffalo Jump“ bei Fort Macleod sparte ich aus, obwohl es eines der großen Indianerstätten war. Einer Legende zufolge wollte ein junger Mann einmal aus nächster Nähe miterleben, wie die Jäger seines Volkes ganze Bisonherden über den Rand von steil abfallenden Sandsteinfelsen jagten, von wo die Tiere in die Tiefe stürzten und dort den Tod fanden. Der junge Schwarzfußindianer, der sich unter einem Felsvorsprung ähnlich wie hinter einem Wasserfall sicher wähnte, sah die massiven Tiere an sich vorbeistürzen. Nur war die Jagd an jenem Tag besonders erfolgreich und der Unglückliche wurde schließlich von den immer höher sich auftürmenden Tierkörpern an die Felswand gedrückt. Als seine Stammesbrüder zum Ausweiden der Beute herankamen, fanden sie seine Leiche. Sein Schädel war vom Gewicht der Bisonmassen eingedrückt worden. Daher heißt der Ort heute „Head-Smashed-Inn“.

Den Kern der kanadischen Nationalparks bilden die vier ineinander übergehende Parks Banff, Jasper, Yoho und Kootenay. Banff ist der älteste Nationalpark und Jasper bietet mit seinem Athabasca Gletscher am Icefield Parkway einen der vielen Höhepunkte der Reise. Schneeziegen, Kojoten und Schwarzbären kreuzen immer wieder die Straße und bestätigen das Bild der kanadischen Unberührtheit. In Banff komme ich mit Heidrun ins Gespräch, die in den 1960er Jahren ihrem Mann zuliebe mit nach Kanada auswanderte und immer noch von Handkäs mit Musik schwärmt. Einer Festung gleich dominiert das Fairmont Banff Springs Hotel über der Siedlung.

Kootenay – das noch weitgehend unerschlossene Schutzgebiet eignet sich für mehrtätige Wandertouren. Besonderer Höhepunkt sind die orange- und ockerfarbigen Paint Pots, aus denen die Indianer in frühen Zeiten ihre Farben für Kriegsbemalung gewannen und die bis zu 47 Grad Celsius heißen Radium Hot Springs am Südeingang des Parks. Der „nur“ 1.313 Quadratkilometer große Yoho National Park um die Täler von Kicking Horse und Yoho River ist weniger bekannt als Banff N.P. Dementsprechend ruhiger geht es hier zu. Doch bieten Emerald Lake und die Takkakaw Falls wie der Kicking Horse Pass atemberaubende Höhepunkte.

Jasper erreichte ich in tiefhängenden Wolken. Leichter, kühler Regen trommelte mir ins Gesicht und trieb mich weiter zum Mt.Robson. Der mit 3.954 Metern höchste Berg der kanadischen Rockies hüllte sich beschämt in einen dichten Regenschleier und gewährte mir nur einen kurzen Blick auf seine Flanke. Der Kootenay war von zahllosen Waldbränden gezeichnet.

Waldbrände sind nicht immer eine Katastrophe für die Natur. Manche Baumarten brauchen die Hitze eines Feuers, damit die harzversiegelten Zapfen gelöst werden. Ein neueres Problem hingegen ist die Verbreitung von Käfern, die bereits zwei Drittel der Waldgebiete vernichtet haben. Die fehlenden kalten Winter früherer Jahre mit minus vierzig Grad Celsius leisten der Verbreitung einen fatalen Vorschub.

Am Monarch Campground in der Nähe des Kicking Horse River löste ich meine „Selbstregistrierkarte“ mit der Nummer 36447 für eine Nacht, überschritt die kontinentale Wasserscheide und genoss im Wabasso Campground einen der schönsten Abende meiner Reise.

Mein Weg führte mich zum Bighorn Highway zurück. Die Straße führte an der östlichen Flanke der mächtigen Rocky Mountains entlang; über Grande Cache, Grand Praire nach Dawson Creek. Ich fühlte mich John Cabot nah, Jack London und Jaques Cartier. Ich campte in Sichtweite der schneebedeckten Berge und beobachtete Kojoten und Rotwild, die ungestört durchs Unterholz zogen. Die Temperaturen fielen im August bereits wieder unter den Gefrierpunkt und ich musste mir nachts eine Decke mehr anziehen.

In Grande Cache stieß ich voll Verwunderung auf die Spuren des deutschen Jägers Reinhold Eben-Ebenau, der in den 1920er Jahren in den kanadischen Wäldern lebte und in seinem Buch “Goldgelbes Herbstlaub“ von der Wildnis und Einsamkeit schrieb. Dawson Creek ist ein Nest, doch hier beginnt der Alaska Highway und so macht der Meilenposten “0“ die Siedlung wieder berühmt. Der Name wurde auch die gleichnamige fiktive Jugendserie Ende der 1990er Jahre bekannt.

„Es heißt, dass der Name Kanada von den zwei spanischen Wörtern Aca und Nada kommt, was soviel bedeutet wie „hier ist nichts „“. R.B.Graham, Mogreb-el-Acksa (1898)

Calgary Downtown

Seine glitzernde Skyline verdankt die Stadt größtenteils dem Ölboom der 1970er Jahre. Im Gälischen heißt Calgary "klares fließendes Wasser" und ist nach Fort Calgary benannt, und das wiederum nach dem schottischen Geburtsort seines ersten stellvertretenden Kommissars.

Stampede Park

Calgary ist ein Paradies für Fleischesser. Das Vieh weidet auf bestem Weideland und daher gehören die hiesigen Steaks zu den besten der Welt. Wo Vieh umherstreift und Steaks bruzzeln, können Cowboys nicht weit sein.

Hoodoos am Red Deer River

Die bizarre Erosionslandschaft der Alberta Badlands gehörte zu den Heiligtümern der Schwarzfuß-Indianer. Nahe der alten Bergwerksstadt Drumheller wartet das Royal Tyrell Museum of Palaeontology mit über 800 Fossilien, 35 Dinosaurierskeletten und einer großen Menge hervorragend ausgestellten Materialien zur Geologie und Naturgeschichte der Dinosaurier auf.

Canadian Pacific Railway

"Nachdem ein Staat geschaffen und dessen rebellische Seele mit Waffengewalt gezähmt war, plante Kanada eine transkontinentale Eisenbahn, einen großen Stahlstrang, der die Prärien erschließen und das Land symbolisch in einer alles umarmenden Geste vereinen sollte."

Emerald Lake

Die kanadischen Rockies sind das Ergebnis großer, weltumspannender Erdbewegungen, die beinahe 600 Millionen Jahre zurückliegen. Die geologische Geschichte dieses Gebirges zeigt, wie das chaotische Geschehen in der Natur zur Entsteheung des heutigen charakteristischen Erscheinungsbildes führten.